Interview mit der Regisseurin und Co-Autorin Ann-Kristin Reyels:

JAGDHUNDE erzählt eine Familiengeschichte im Schnee. Gleichzeitig ist die Liebe zwischen
Lars und Marie von Bedeutung sowie das Milieu in der ostdeutschen Provinz – was steht für
dich im Vordergrund?

Ann-Kristin Reyels.: Die Familiengeschichte und die Liebesgeschichte, wobei die Liebesgeschichte
eigentlich erst während der Dreharbeiten in den Vordergrund gerückt ist. Ich hatte das Gefühl, dass
die Familiengeschichte im Drehbuch noch eine größere Rolle spielte. Durch Maries Besonderheit, nicht
sprechen zu können, ist die Liebesgeschichte dann deutlicher geworden. Aber was ich nicht
vorhatte, war, dass JAGDHUNDE ein Milieufilm über den Osten wird. Trotzdem wollte ich aber dort
drehen, weil es die Uckermark eben nirgendwo anders gibt. Der Film zeigt Menschen, die aus der
Stadt kommen, aufs Land gehen und dort nicht hinpassen. Dabei aber sollte nicht der Osten,
sondern die Uckermark die Hauptrolle spielen.

Auffällig sind zahlreiche Landschaftsaufnahmen, deren Schönheit ins Auge fällt. Steht die
Harmonie im Gegensatz zur angespannten Situation, in der sich Lars Familie befindet?

Ich empfinde die Landschaft der Uckermark einfach grundsätzlich als schön. Wir haben
uns gar keine große Mühe gegeben, diese Schönheit in besonderer Weise zu inszenieren, denn sie
ist einfach genau so vorhanden.

Alle Erwachsenen sind auf der Suche und in ihrer Lähmung oft hilflos, vor allem Vater
Henrik, dem gar nichts gelingen will. Ganz anders wirken Lars und Marie. Sind die Jungen in
JAGDHUNDE die wahren Erwachsenen?

Das könnte man so sehen. Aber eigentlich ist es eher so, dass Lars möchte, dass sich
etwas verändert. Er will, dass Eingefrorenes anfängt, sich zu bewegen. Dafür stehen Kälte und
Schnee. Lars sieht, dass in seiner Familie etwas seltsam ist, was er so nicht mehr haben möchte.
Er beobachtet das Ganze zunächst und ahnt nicht, was er durch seine Anwesenheit und die
Bekanntschaft mit Marie ins Laufen bringt.

Konflikte unter Erwachsenen werden nicht ausgetragen, sondern durch Humor gebrochen.
Hat die im Film gezeigte Generation Schwierigkeiten, sich zu streiten?

Ich würde mir nicht erlauben zu sagen, dass diese Generation generell keinen Streit
austragen kann. Meine Figuren können es nicht. Wir wollten beim Schreiben keine traurige und
düstere Geschichte entwickeln. Ich finde es wichtig, dass die Figuren auch über sich selbst lachen
können. Und das tun sie auch. Sie wissen, dass sie komisch sind, können aber eben aus
Verhaltensmustern, die sie sich über Jahre angeeignet haben, schwer heraus springen.

Gleichzeitig verhinderst du als Regisseurin aber auch den ausbrechenden Konflikt,
indem du in der szenischen Führung die Eskalation stoppst und mittels Humor brichst.

Für mich war es wichtig, zu zeigen, dass jeder für sich eine sehr liebenswerte Figur ist.
Außerdem wollte ich niemanden bloßstellen. Und daher kommt es, dass ich das in der Regie
unterstützt habe.

In einer Szene spielen ältere Frauen, offenbar Laiendarstellerinnen, Tischtennis mit Lars
und Marie. Diese Szene fällt formal aus den übrigen heraus, weil sie dokumentarisch wirkt.
Wie ist diese Szene zustande gekommen?

Kurz zuvor hat Lars Marie kennen gelernt. Für ihn beginnt dadurch etwas Neues. Deshalb
ändert sich hier der Stil des Films. Außerdem sind vorher, außer Marie, keine weiteren Frauen
aufgetreten. Lars kommt in diesem Moment erstmals in eine Umgebung, die er als warm und
angenehm empfindet. Er wird herzlich aufgenommen. Die Frauen haben keinerlei
Berührungsängste gegenüber Lars, der ja nicht aus dem Ort kommt, sondern zugezogen ist. Die
Frauen sind ein Spiegelbild von Marie. Sie sind einfach und unkompliziert.

Kannst du etwas zum einzigen Moment erzählen, in dem es aus Marie heraus bricht, sie
spricht und ihren Vater zurecht weist?

Ich habe mit den beiden Schauspielern viel über diesen Moment gesprochen. Die
Entscheidung, wie wir diese Situation genau drehen wollen, haben wir aber die ganze Zeit über
aufgeschoben. Die Szene war immer wichtig für mich, aber wie wichtig sie tatsächlich ist, wurde
mir dann erst nach dem Dreh bewusst. Das ist der Moment, in dem sich Marie emanzipiert. Obwohl
sie das eigentlich nicht nötig hätte, weil es ihr bei ihrem Vater ja gut geht und sie aus dem Dorf gar
nicht weg will. Marie hatte die Verantwortung für ihren Vater in dem Moment übernommen, als ihre
Mutter vor langer Zeit fort ging. Sie ist zwar Tochter geblieben, musste dann aber auch eine Art
Ehefrauenrolle übernehmen. Und im Moment des Streits sagt sie ganz offen, was eigentlich klar ist,
sich aber bislang niemand traute zu sagen.

Die Beziehung zwischen Lars und Marie bleibt im Grunde platonischer Art. Es gibt eine
kurze Berührung auf dem vereisten See, dabei aber tragen sie Masken. Warum halten
die beiden Distanz?

Die Masken würde ich gar nicht mit Distanz verbinden wollen. Das ist eher ein Spiel. Und
ob ihre Beziehung platonisch bleibt, wissen wir nicht. Mir ist es lieber, eine behutsame Geschichte
zu erzählen, in der man die beiden eben nicht unbedingt küssend sieht. Das können wir uns ja alle
denken. Ich finde es viel spannender, eine Annäherung zu zeigen. Den Rest wollte ich der Fantasie
des Zuschauers überlassen.

Eine herausragende Besetzung ist Constantin von Jascheroff als Lars. Wie bist du auf ihn
gekommen?

Die Besetzung des Jungen stand erst drei oder vier Wochen vor Drehbeginn fest. Wir
haben sehr lange gesucht. Es war so schwierig, weil die meisten Jungs überhaupt nichts damit
anfangen konnten, dass Marie nicht spricht. Constantin kam herein und spielte, und es war völlig
egal, ob sie sprechen konnte oder nicht. Er ist damit sehr natürlich umgegangen. Die
Gehörlosigkeit sollte genauso wenig zum Thema werden wie der Osten. Es ist
schon ein merkwürdiges Bild, dass alle Figuren Schwierigkeiten haben, miteinander zu reden, und
von den beiden, die dazu in der Lage sind, eine tatsächlich nicht sprechen kann.

Im Film tauchen zahlreiche tote Tiere auf. Was genau hat das zu bedeuten?
Das einzige mir wichtige tote Tier ist die im Eis erfrorene Ratte, die sicherlich als
Metapher für den Film zu verstehen ist, als ein Bild für das Starre, das am Ende von Lars befreit
wird. Und wenn er diese Ratte in die Küche des Vaters legt, ist das eine Verlängerung seiner
Gedanken. Denn es ist ihm nicht möglich auszusprechen, was ihn stört oder wütend macht. Seine
Handlung ist daher ein starker Kommentar. Viel wichtiger als die toten Tiere sind die Hunde, die für
den Jungen von größter Bedeutung sind, weil sie bis zu dem Moment, als Marie auftaucht, seine
besten Freunde sind. Sie sind ihm näher als Menschen. Wir sehen, dass er fast selbst zu einem
Hund wird, wenn er mit ihnen spielt. Und nach und nach weicht Marie seine feste Bindung zu den
Hunden auf. Die Hunde waren für den Jungen das Bewegte, ein Ersatz für die Sprachlosigkeit
zwischen ihm und seinem Vater. Lars ist es ein Bedürfnis, sich und seine Gedanken zu bewegen,
denn zu Hause bewegt sich nichts. Die Hunde und die Natur sind wesentlich für mich, damit man
merkt, dass der Junge einen freien Geist hat, beweglich ist, eben genau wie die Hunde, die das
Lebendige verkörpern. Auch sie sind also eine Metapher für den Film.

Sobald die Familiensituation für Lars unerträglich wird, flieht er in die Natur. Schafft ihm
der Naturraum Erleichterung?

Ja, als seine Mutter auftaucht, flüchtet Lars kurz darauf aus dem Haus. Eines der
nächsten Bilder spielt auf dem Feld. Dort erhält er eine SMS von Marie. Wärme findet Lars also
draußen im Schnee, nicht im Haus bei der Familie. Überhaupt entwickelt sich die Beziehung
zwischen Marie und Lars nur draußen, z.B. am See oder auf der Schaukel.

Wie ist der Titel des Films zustande gekommen?
Den Titel JAGDHUNDE hatte das Projekt von Anfang an. Zunächst spielte jedoch die Jagd
eine größere Rolle als in der Endfassung. Wir haben den Titel aber beibehalten, weil Jagdhunde sich
viel bewegen und Bewegung generell für mich mit Freiheit assoziiert ist.

Gegen Ende der Handlung singt der neue Freund von Lars Mutter, Robert, eine Passage
von Franz Schuberts „Winterreise“. Darin sind Textzeilen enthalten, die verschiedene
Motive und Themen des Films wiedergeben, so z.B. „Die Liebe liebt das Wandern“ oder
„Lass irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus“. Welche Bedeutung hat dieses klassische
Lied für den Film?

Ich habe die „Winterreise“ in der Entwicklungsphase des Drehbuchs oft gehört.
JAGDHUNDE reflektiert genau die Themen und Stimmungen, die darin enthalten sind. Es handelt
sich um ein schwieriges Lied, das gleichzeitig bitter und schön ist. Der Moment, in dem Robert sich
hinstellt und mit seinem Vortrag beginnt, zeigt die emotionale Schwierigkeit der Situation, nämlich
die Verstörtheit aller Figuren im Raum. Es erfordert Mut von Robert, es in der gegebenen Situation
zu singen. Er bricht das Lied auch nicht ab. Danach verändert sich die Stimmung. Allen wird
deutlich, dass die bisherige Situation für alle unerträglich war.

Welche Bedeutung hat das Lied „Mädchen aus Ostberlin“ von Udo Lindenberg, das Maries
Vater, Reschke, hört, als er allein in seiner Gaststätte sitzt?

Ich mag „Mädchen aus Ostberlin“ sehr gern. Udo Lindenberg verbinde ich mit der DDR,
und Reschke ist eine Figur, die in der Vergangenheit stehen geblieben ist, sich nicht wesentlich
weiter entwickelt hat. Deshalb passt das Lied besonders gut zu ihm und seiner Geschichte.

Der Schluss lässt verschiedene Deutungen zu. Wie schwierig war es, ihn zu entwickeln bzw.
wolltest du zwischenzeitlich auch andere, eindeutigere Varianten verwenden?

Ich habe schon während des Schreibprozesses lange über den Schluss nachgedacht.
Noch im Schneideraum war das Ende des Films ein viel diskutiertes Thema, und wir haben
unterschiedliche Varianten ausprobiert. Eine Überlegung war mir dabei immer wichtig. JAGDHUNDE
sollte ein positives Ende haben, und so passiert ein Vorfall, der Veränderung bewirkt. Veränderung
ist das Grundthema des Films: das Eingefrorene taut auf und verlässt den starren Zustand.

Claudius Lünstedt und Ansgar Vogt, Berlin, Januar 2007